Donnerstag, 7. August 2008

Die Gewinner schreiben die Geschichte


In den letzten Wochen habe ich begonnen, mich in die fantastische Welt von Tim und Struppi zu begeben. Insbesondere für einen großen Comic- Fan ist es Pflicht, im Leben die Geschichten von Herge gelesen zu haben. Mittlerweile zähle ich nahezu alle Ausgaben des belgischen Comics zu meinen Besitz und insbesondere das Erstlingswerk „Tim im Lande der Sowjets“ hat es mir angetan. Vorweg muss ich erwähnen, dass die Geschichte Anfang der 1930er Jahre geschrieben wurde und daher geschichtlich betrachtet enormen Wert besitzt.

Herge verfasste die Geschichte über das Land der Sowjets aufgrund eines Buches, dass als antikommunistisch und konkret sogar kommunismusfeindlich einzuordnen sein musste.
Besonders ins Auge gestochen ist mir eine Szene, in der Tim überraschenderweise eine sowjetische Firma betritt. Die Schornsteine rauchen nur aus Dekorationszwecken und die Geräusche von Arbeit werden imitiert, um Kommunisten aus westlichen Ländern zu täuschen.
Des Weiteren gibt es einen Teil der Geschichte, der eine Essensverteilung an arme Menschen darstellt. Der kommunistische General gibt jedem Menschen Nahrung, der die Frage: „Bist du Kommunist?“ mit einem „Ja“ beantwortet. In dem Moment, in dem jemand diese Frage verneint, bekommt er einen Tritt und landet auf der Straße.
Des Weiteren erinnere ich mich noch an eine Szene gegen Ende der Geschichte, in der Tim gefangen gehalten wird in einem Lagerraum, der wie ein Bolschewik sagt: „…benutzt wurde um die Ernte zu lagern, die Lenin, Trotzki und Stalin den armen Menschen gestohlen haben.“

Der Comic „Tim im Lande der Sowjets“ ist eine Anhäufung von Ereignissen im Lande des Kommunismus, die jeglicher Realität fern sind. In dem Heft sind nur Vorurteile, absichtlich populär in Szene gesetzte Lügen und westliche Propaganda verzeichnet. Im Laufe der Jahre wurde der Künstler Herge bezüglich seiner Recherchen allerdings wesentlich authentischer. Die ersten Bände, die allesamt schon über 70 Jahre alt sind, strotzen jedoch weiterhin vor Vorurteilen gegenüber Afrikanern, Ureinwohnern, Indianern usw.
Die Geschichten Herge’s müssen natürlich im Zusammenhang ihrer Entstehungszeit betrachtet werden. Sie wurden in einer Zeit verfasst, in der der Kolonialismus noch jahrzehntelang wütete. Unabhängigkeitskämpfe waren zwar bereits ausgebrochen, die tatsächliche Freiheit konnten allerdings Länder wie Algerien, und insbesondere Brasilien erst wesentlich später erlangen.
In der Geschichte „Tim im Kongo“ wird ein von Belgien besetztes Land dokumentiert, deren primitive Einwohner den Anforderungen westlicher Zivilisation vollkommen unterlegen sind. Vom damaligen Punkt aus dauerte es noch Ewigkeiten, bis Patrick Lumumba an den Ketten der Unterdrückung zerrte und diese letztendlich gesprengt wurden.

Geschichte wird immer von den „Gewinnern“ verfasst. Zum Zeitpunkt des Comics „Tim im Lande der Sowjets“ waren die Gewinner allerdings noch lange nicht ausgewürfelt. Die UDSSR lieferte den Westindustriemächten, insbesondere natürlich den U.S.A bis in die 70er Jahre hinein ein Wettrennen um die Vormachtstellung auf der Welt.
Es gab viele Punkte während der Weltwirtschaftskrise z.B. und/ oder dem Korea und Vietnamkrieg, an dem die Großkapitalisten der U.S.A den Niedergang des Kapitalismus befürchteten. Aus keinem anderen Grund heraus wurden Lügen gegen die UDSSR verbreitet, Angriffe auf Kuba, Korea und Vietnam eingeleitet usw. Sie hatten Angst vor dem so genannten „Domino- Effekt“, der die These in sich trug, dass ein Land nach dem anderen kommunistisch werden würde, ähnlich einem Stein in einem Dominospiel.

Die Rückständigkeit der UDSSR gegenüber den Westindustriemächten war gegen Ende der Bipolarität der Welt eine Tatsache. Aber jahrzehntelang lebte diese Tatsache bereits in den Köpfen der westlichen Menschen, trotzdem sie der Realität noch nicht entsprochen hatte.
Im Nachhinein betrachtet kann man den Comic „Tim im Lande der Sowjets“ als witziges und gelungenes Debüt von Herge intepretieren. Geschichtliche Aufklärungsarbeit leistet der belgische Künstler allerdings nicht und seine ersten Arbeiten erinnern mich immer wieder daran, dass Geschichte erstens von den Gewinnern verfasst und zweitens mitunter auch verfälscht wird.

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