Dienstag, 19. August 2008

Zu jung für "Reigen"?!

Unlängst führte ich eine interessante Unterhaltung mit einem Gast eines Würstelstandes. Gemeinsam hatten wir das Schreiben, die Literatur und Wirtshausphilosophie. Während des Gespräches kamen wir auf das Theater. Der Mann hatte sich „Der Talisman“ angesehen. Über kurz oder lang kamen wir auch auf Arthur Schnitzler zu sprechen. Ich persönlich bin kein besonderer Liebhaber von Schnitzler. In der Schule musste ich Anatol lesen und war begeistert. Danach hat man mir jahrelang vom Gustl und Reigen erzählt und gemeint, dass diese Werke seine besten wären. Mittlerweile habe ich sie alle gelesen und musste feststellen, dass Anatol eindeutig mein Favorit ist.
Der Mann beim Würstelstand begann mir ernsthaft zu erklären, dass ich für das Stück „Reigen“ noch zu jung sei. Er schätzte mich allerdings durchaus alterstechnisch über 20 Jahre alt ein.
In diesem Moment stutzte ich. Ich sollte zu jung für „Reigen“ sein? Sofort begann ich mich an meine Oberstufenzeit zu erinnern. In der dritten Klasse Oberstufe überlegte sich mein Klassenvorstand, ob wir Schlink’s „Der Vorleser“ auf die Literaturliste setzen sollten. In dem Werk kommen einige Wenige sexuelle Szenen vor und sie überlegte ernsthaft aufgrund dieses Umstandes, das Buch nicht lesen zu lassen. Zur Information: In der dritten Klasse ist man im Regelfall zwischen 17 und 18 Jahren alt.

Wann trug sich diese Geschichte rund um die Diskussion in der Schulklasse zu? War es in der prüden Zeit der 50er Jahre, Anfang der 80er Jahre? Insofern man heute fernsieht, die Boulevard Blätter durchliest oder einfach aufmerksam durch die Stadt Wien schlendert, muss einem die Zeit, in der über „Der Vorleser“ diskutiert wurde, jahrzehntelang her vorkommen.
Die ganze Geschichte trug sich 2003 zu.
Welche Gedanken eröffnen sich meinem Geist, insofern ich solche Begebenheiten überdenke?

Sexualität war lange Zeit ein großes Tabu. Kinder und Jugendliche wurden wie Anhängsel der Eltern behandelt und gingen bis in die Teenagerzeit keinen individuellen, sondern den Weg des erziehenden Elternteils, also zumeist den der Mutter. Der obligatorische Sonntagsspaziergang in der Sonntagshose oder im Sonntagskleid war gelebte Familientradition, der sich niemand entziehen konnte. Oftmals konnte das Kind erst durch den Auszug aus dem Elternhaus individuelle Fertigkeiten entwickeln. Das Mädchen war oftmals erst in der Lage ausziehen, insofern es schwanger und dementsprechend baldigst verheiratet war. Danach begab es sich allerdings zumeist sofort erneut in Abhängigkeit.

In diesen Zeiten waren Jugendliche auch von Gewalttätigkeiten seitens der Erwachsenen nicht befreit. „A gsunde Hauswatschn“ war in der Öffentlichkeit ebenso akzeptiert, wie die Einschränkung und Vorbestimmung des Lebens der zukünftigen Erwachsenen.
Daher gab es auch logischerweise kaum Möglichkeiten, Sexualität und individuelle Freiheit ausleben zu können.

Das traditionelle und konservative Familienbild der Mutter und Hausfrau ist mittlerweile aus der Mode gekommen. Emanzipierte Frauen möchten unabhängig sein und haben ein Recht auf individuelle Auslebung ihrer Interessen. Oftmals werden die Verpflichtungen der Eltern jedoch nicht gemeinsam aufgeteilt und dementsprechend ist wesentlich weniger Aufmerksamkeit für das Kind gepachtet. Der „gute, alte“ Vater zieht es eben immer noch lieber vor, in das Wirtshaus zu Wein und Gesang zu schlendern, statt die Mutter und Familie zu unterstützen.
Der individuellen Freiheit wird auch durch Handys und Internet Nahrung gegeben. Kinder waren zumeist unter ihren Altersgenossen und wie auch sonst? Wie hätte auch ein z.B. vierzehnjähriges Mädchen mit 20jährigen Burschen in Kontakt treten können? Die Tagesabläufe verfügen über keine Schnittpunkte und in die Disko durfte man sowieso erst ab 18. Durch das Internet, Chat- und Singlebörsenbekanntschaften ist nun der alterstechnischen, gesellschaftlichen Vermischung Tür und Tor geöffnet. Rein theoretisch ist es durchaus möglich, dass sich auch 40, 50jährige Männer vernetzten und in Kontakt treten mit Mädchen unter 14 Jahren.

Durch das eigene Handy verlieren die Eltern binnen kürzester Zeit jeden Überblick über den Freundeskreis ihrer Kinder.
Unsere Kinder sind mittlerweile oftmals im Alter von 10 oder 12 Jahren bereits vollfertig in das Erwachsenenleben integriert. Sie verfügen über ein Budget, gehen aus, haben einen breiten Freundeskreis, haben Sex, trinken Alkohol und mitunter konsumieren sie auch weiche Drogen.
Die Liberalisierung ihres Lebens ist nur positiv zu sehen. Insofern sich Kinder endlich selbst entwickeln können und individuelle Freiheit erleben, kann ihre Entwicklung positiv bereichert werden.
Es ist allerdings ein großer Unterschied zwischen der antiautoritären Erziehung der Kinder in den 70er Jahren in den so genannten „Kinderläden“ und der heute häufigen Gleichgültigkeit oder Überforderung der Eltern ihren Sprösslingen gegenüber.
Freiheit ist die Freiheit zur Wahl und alternativen Möglichkeiten. Insofern die Eltern einfach keine Zeit haben, der Vater seine Ruhe haben will und die Mutter die Aufgabe der Powerfrau, Arbeiterin, Hausfrau und Mama erfüllen muss, bleiben den Kindern keine Wahl.
Ihr Weg ist dann der einsame, individuelle Weg ohne Rat und Hilfe seitens der Eltern, der viele Gefahren birgt.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass unsere Kinder und Jugendliche durchaus die richtigen Entscheidungen für sich treffen können und in der heutigen Zeit dadurch selbstständiger, gesellschaftlich freier, selbstbestimmter und glücklicher leben können. Insofern allerdings kein Ratgeber, keine Lehrer/Innen und/ oder Vertrauenspersonen für sie da sind, sind die Möglichkeiten gesellschaftlich abzurutschen viel variantenreicher als jemals zuvor.

Zurück zu dem Philosophen am Würstelstand: Das Theaterstück Reigen ist aus heutiger Sicht Nachmittagsprogramm. Jede durchschnittliche Teenie- Komödie enthält mehr Sexualität als dieser ehemalige Skandal. Die Zeiten haben sich geändert und glücklicherweise wird oftmals Sexualität nicht mehr tabuisiert. Ich mit meinen bald 25 Jahren bin dafür schon längst alt genug und Reigen ist im Vergleich zu teilweise enorm gewaltverherrlichenden Zeichentrickserien viel eher als Kinderprogramm geeignet, als so manches „kinderfreundliches“ Programm.

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