Dienstag, 21. Oktober 2008

Der Student zwischen Verdammung und Demut


Mittlerweile kann ich durchaus behaupten, bereits seit längerer Zeit Erfahrungen als so genannter Student zu sammeln. Dabei ist vor allem eins auffällig. Die oftmals kritisierte „Entfernung zur Realität“ ist unter den Student/Innen durchaus auf der Tagesordnung.
Aufgrund der sozialen Selektion gibt es nahezu keine Student/Innen, die tief greifende, berufliche Erfahrungen vorweisen können. Dabei ist es unwesentlich, ob der Mensch Anfang, Mitte oder Ende 20 ist.
Oftmals wird in Sozialstatistiken angegeben, dass die Student/Innen geringfügig arbeiten müssen, um sich ihr Studium „leisten“ zu können. Dabei muss ich berichtigen, dass mit maximal 345 Euro pro Monat niemand leben kann. Niemand kann sich ein Studium in einer fremden Stadt, außerhalb der Wohnung der Eltern nicht einmal in der Heimatstadt leisten. Bei Studien und einer geringfügigen Beschäftigung ist immer die Unterstützung der Eltern beigemengt.
Allein das Wohnen würde schon dermaßen hohe Kosten verschlingen, das an ein Studium gar nicht mehr zu denken wäre. Im Übrigen kann niemand von 345 Euro, von der Hand im Mund leben.

Das bedeutet also, dass die Student/Innen tatsächlich ein gewisses Defizit haben zwischen den wirklichen Lebensbedingungen und ihren eigenen. Außerdem wird eine Student/In mit der Zeit gemäß ihres Studiums sozialisiert. Das bedeutet, dass die Jurist/Innen ihre eigene Sprache, die Politikwissenschaftler/Innen ihre eigenen Begriffe und polemisch ausgedrückt, die Theaterwissenschaftsstudent/Innen ihre eigenen Gesten aufweisen.
So kann es durchaus vorkommen, dass im Laufe eines Studiums ein sozialwissenschaftlich ausgebildeter Mensch für Otto Normalverbraucher kaum zu begreifen ist.
Hinzu kommt noch, dass er komplett anders gesellschaftlich geprägt ist, als der Durchschnittsmensch. Dementsprechend können den Student/Innen jetzt zwei beobachtete Phänomene entgegentreten: Sie können von Otto Normalverbraucher verflucht, oder in Demut bewundert werden.
Beides ist sichtlich falsch. Die Student/Innen haben ihr Studium in 95% der Fälle aufgrund ihrer sozialen Voraussetzungen ergreifen, und nicht aufgrund besonderer Gedankenleistungen wählen können.
Das bedeutet, dass nur die wenigsten Student/Innen über dieses Übermaß an Intelligenz verfügen, dass gewisse „Demut“ hervorbringen könnte.
Dennoch ist die Grundintention dieser Demut richtig und der Gedanke völlig logisch konstruiert. Menschen, die „intelligenter“ und tatsächlich gebildeter sind, sollte mit entsprechendem Respekt gegenüber getreten werden. Dabei meine ich keinen besonderen Respekt. Einzig und allein gleich behandelt sollten Student/Innen werden als eine soziale Gruppierung, die insbesondere in der österreichischen Gesellschaft nicht übermäßig häufig auftritt.
Oftmals kommt es allerdings ganz anders. Über Student/Innen wird geflucht und geschimpft.
Nicht selten habe ich den Ausspruch: „Die können ja nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen.“vernommen und immer wieder dabei gestutzt.
Menschen aus dem Arbeitermilieu neigen sehr oft dazu, die körperliche über die geistige Arbeit zu stellen. Der Gedankenschritt impliziert, die Qualität der Arbeit in körperlichem Anstrengungsgrad zu messen.
Dementsprechend gibt es auch andere oftmals gehörten Klischees wie: „Die im Büro sitzen ja den ganzen Tag nur rum, saufen Kaffee und tun Nichts.“

Der andere Fall ist wie bereits vorhin erwähnt ebenfalls durchaus anzutreffen. Restlose Vergötterung des Studierten. „Du musst gescheit und intelligent sein.“
Natürlich sind mir als Student solche Klassifikationen und Klischees wesentlich lieber, als die Verfluchungen und Verwünschungen, denen Student/Innen oftmals ausgesetzt werden.
Doch schlussendlich sind Beide falsch.

Wer studiert, und wer nicht studiert, entscheidet in Österreich und auf der ganzen Welt in erster Linie immer noch die Sozialisation und die Geldbörse, und erst in zweiter Linie das Gehirn.
Wobei die Sozialisation immer noch vor die Geldbörse einzuordnen ist.

Als Abschluss möchte ich noch mal erwähnen, dass ich mir persönlich wesentlich bessere Kommunikation zwischen den sozialen Gruppierungen wünschen würde. Gelegentlich besuche ich einen Wirt im zehnten Bezirk, der ein tolles Beispiel für verschiedenste soziale Gruppierungen gibt. Ich besuche dieses Lokal insbesondere aufgrund des Umstandes, weil ich dort keine Student/Innen sehe und dementsprechend immer wieder neue, erfrischende Eindrücke gewinnen kann.
Die Menschen sollten aufeinander zugehen, statt sich gegenseitig auszugrenzen. Und oftmals stößt man auf Verständnis und Toleranz, wo es nicht vermutet worden wäre.
Natürlich ist auch immer wieder das Risiko der gefährlichen Auseinandersetzung gegeben, doch dieses Risiko muss zum allgemeinen, besseren Verständnis eingegangen werden.

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