Mittwoch, 29. Oktober 2008

Der Rückgang der Geburtenrate in Europa und die Ursachen


Oftmals werden die Rückgänge der Geburtenraten in den Westindustriestaaten mit dem „neuen Individualismus“ der Menschen erklärt. Da wird dann ganz offen über das Zerbrechen der konservativen Familienverhältnisse, über Patchworkfamilien und die endgültige Integration der Frauen in das Berufsleben philosophiert.

Ein konservativer Ansatz ist es, den Rückgang der Geburtenrate auf den dauerhaften Einstieg in das Berufsleben der Frauen zu erklären. Deshalb sind es ja auch immer konservative Kräfte und Parteien (zumeist auch nationalistische), die Frauenpolitik unter Anführungszeichen betreiben, indem sie es „Familien“ (im eigentlichen Sinne dem Mann) ermöglichen, durch Steuerbegünstigungen (z.B. Familiensplitting) es der Frau zu „ermöglichen“, abhängig und im Schoße der Familie (des Mannes) ein fremdbestimmtes Leben zu führen.

Mein Ansatz entlarvt komplett andere Probleme und bezieht sich vor allem auf die Frage der Motive des Geburtenrückganges. Enorm wichtig ist es für Familien und Paare, einen finanziellen Background, eine berufliche Absicherung und eine durchgeplante Zukunft vorweisen zu können. In den Jahren der großen Familien war es üblich, dass Menschen ihr gesamtes Leben in ein und demselben Betrieb verbringen und erst mit dem Eintritt in die Pension eine neue Strukturierung des Alltages vornehmen müssen.

Durch die Liberalisierung und die Globalisierung haben wir es jetzt mit einem mobilen, sich ständig verändernden, widersprüchlichen Arbeitsmarkt zu tun.
Niemand kann mehr getrost von sich behaupten, sich in einem konstanten Berufsbereich zu befinden. Pragmatisierungen gibt es so gut wie gar nicht mehr. Insofern es überhaupt zu fixen Arbeitsverträgen kommt, so sind diese zumeist auf 6, maximal 12 Jahre befristet und dementsprechend ist da von einer geeigneten, familientauglichen Absicherung nicht zu sprechen.
Aufgrund der ständigen Mobilität in der Arbeitswelt ist generell die Struktur der Familie stark angegriffen. Früher war es so, dass der Beruf gewissermaßen dich gefunden und bis in die Pension begleitet hat. Heutzutage muss aufgrund von Umschulungen, Zusatzqualifikationen, Erschließung eines neuen Berufsfeldes usw. teilweise dem Job richtiggehend „gefolgt“ werden.

Dabei sind dann die ungebundenen Menschen gewissermaßen „konkurrenzfähiger“, weil sie einfach ihre sieben Sachen packen und ins Ausland ziehen können.
Hinzu kommt noch der soziale Aspekt der Selbstverwirklichung der Frauen. In früheren Zeiten galten Frauen oftmals lediglich als „Mitbewohnerin“ der Familie und der Mann war das Oberhaupt. Die berufliche Verwirklichung wurde dementsprechend nur auf den Mann ausgerichtet, der ja auch dementsprechend die Familie finanziell unterstützt hat.

Heute ist es so, dass auch Frauen im Berufsleben erfolgreich sein und Selbstbestimmung praktizieren wollen. Dementsprechend sind nun gegenwärtig zwei Interessen aufeinander abzustimmen- Das Interesse der Frau und das des Mannes. In früheren Jahren wurde das Interesse der Frau maximal über die Vorstellungen des Mannes definiert.

Dann folgt noch in weiterer Folge der finanzielle Druck, der heutzutage auf Familien ausgeübt wird. Kinder zu haben bedeutet ein hohes Aufkommen an finanziellen Ressourcen. Während früher Kinder oftmals als „Beilage“ zur Familie, zumeist im konkreten Fall zur Mutter gegolten haben, sind die jungen Menschen gegenwärtig zu Individuen, insbesondere zu Käufer/Innen geworden.
Der Markt mit der Jugend floriert. Kinder und Jugendliche haben einen eigenen Markt erhalten und sind für die Unternehmen zu potentiellen Kunden geworden. Mittlerweile haben Jugendliche eigene Kulturen (Stichwort: Krocha z.B.) und eigene marktspezifischen Verhaltensweisen. So gibt es eigens auf die Vorstellungen von Kindern und Jugendliche abgestimmte Produkte.

So ein Verhalten wäre in der Vergangenheit wirtschaftspolitisch untragbar gewesen. Kinder verfügten über wesentlich weniger Budget und insbesondere der Nutzen für die Eltern musste bezüglich eines Produktes suggeriert, und nicht der individuelle Nutzen des Kindes impliziert werden.

Durch die gesellschaftspolitische Liberalisierung werden die Kinder und Jugendliche immer schneller in die Rolle der Erwachsenen getrieben. Das führt einerseits regelmäßig zu schnelleren, sozialen Entwicklungen und andererseits birgt es ein gefährliches Potential in sich. Durch die wirtschaftspolitische Individualisierung und der Entdeckung der Kinder als Käufer/Innen werden ihnen der Markt für alle Produkte eröffnet. Dabei gibt es nicht nur die Produkte, die ohnehin bereits für Erwachsene am Markt waren (Alkohol, Zigaretten, Handys) sondern auch ein ganz eigener, spezifischer Markt (Ringtones, Screensaver, Modemarken usw.).

Die Individualisierung und schnellere Eingliederung in soziale Gruppierungen impliziert aber gleichzeitig keine unmittelbare, schnellere Entwicklung bezüglich sozialer Kompetenzen und Fähigkeiten der Jugendlichen. Diese Problematik möchte ich jedoch nun nicht weiter erläutern.

Durch diese Entwicklung haben die Jugendlichen ein wesentlich größeres Potential an Produkten, die sie für sich einnehmen können. Dementsprechend werden die Kinder und Jugendlichen für die Eltern auch immer teurer.
Noch vor wenigen Jahren waren Computer und Telefone z.B. Gegenstände der gesamten Familie. Das bedeutet sie wurden einmal gekauft und von allen genutzt. Die erste Entwicklung diesbezüglich war zum Beispiel in früheren Jahrzehnten mit dem Fernseher zu sehen. War der TV früher ein Gemeinschaftsprodukt, das von allen gemeinsam genutzt wurde, so wird er heute häufig extra für Kinder und andere Familienmitglieder angeschafft.

Aufgrund der problematischen, gegenwärtigen Bildungspolitik in Österreich floriert auch der Nachhilfemarkt. Unmengen an Geld wird in Nachhilfe und Fördermodelle gepumpt.

Abschließend können wir also von vielen Problemen bezüglich der abnehmenden Geburtenrate in den Westindustriestaaten sprechen.
1.) Individualisierung der Familienmitglieder (Vater, Mutter, Kind- wobei Mutter und Kind neu sind)
2.) Fehlende Sicherheit und Zukunftsperspektive im Berufsleben
3.) Das Berufsleben bevorzugt Mobilität
4.) Kinder und Familie werden insgesamt immer teurer und sind mit mehr finanziellem Aufwand verbunden.

Auf Dauer betrachtet muss es dementsprechend in vielen Teilbereichen der Wirtschaft, der Politik und insbesondere der Sozialpolitik Reformen geben.
Das Berufsleben und die Familie wird in Zukunft wieder vereinbarer werden müssen. Vorschläge dafür wären zum Beispiel eine Aufwertung der Teilzeitarbeit, gut durchdachte Karenzmodelle oder auch eine Reduzierung der Arbeitsstunden für Vollzeitarbeit.
Höhere Förderungen von Familien- Höheres Kindergeld, Familienbeihilfe und größeres sowie billigeres Angebot für Kindergärten.
Sozialpolitisch und pädagogisch gäbe es noch die Überlegung, die Identität des Kindes auf jeden Fall NICHT über die Konsumenteneigenschaften zu definieren. Das bedeutet zum Beispiel die Schaffung der Kinder- und Jugendkulturen nicht wirtschaftlich, sondern vor allem sozialpolitisch und gesellschaftspolitisch zu nutzen.

In diesen Bereichen wird es in Zukunft eine Reihe von Maßnahmen geben müssen. Ansonsten werden sich die Westindustriestaaten in der Alltagsrealität und demographisch entscheidend und unwiederbringlich verändern.

Keine Kommentare: