Donnerstag, 9. Oktober 2008

Die zwei Wallander




Mittlerweile bin ich seit Jahren ein begeisterter Leser von den Abenteuern des schwedischen Ermittlers Kurt Wallander. Es dauerte allerdings nahezu zwei Jahre, ehe ich erstmals auch Filme ansah und dementsprechend war ich anfänglich sehr irritiert.

Der Kurt Wallander, den ich mir vorstellte, war bereits sehr schwerfällig, verliert mittlerweile Haare und ist im Laufe der Jahre ernüchtert. Den Kurt Wallander, den ich erstmals kennen lernte, war gewichtstechnisch durchaus akzeptabel. In den Büchern von Mankell wird häufig darauf hingewiesen, dass Wallander langsam an Gewicht zu legt, etwas dagegen unternehmen sollte und bemerkt, dass ihm langsam die Haare ausgehen. Des Weiteren wird oftmals erwähnt, dass er Cordhosen trägt und Whisky abends trinkt. Kurt Wallander ist ein exzentrischer Schwede, verschlossen und seine Ehe mit Mona ist gescheitert.

Henriksson ist der Name des zuvor beschriebenen Wallander- Darstellers. Er ist höchst wahrscheinlich Zeit seines Lebens schlank gewesen und hat mittlerweile doch beträchtlich zugelegt, trinkt Whisky abends und ist verschlossen. Das einzige Problem dieses Darstellers ist der Umstand, dass er hauptsächlich Kurzgeschichten interpretieren muss. Dementsprechend sind die Geschichten oftmals nicht so gut durchdacht und gezeichnet. Gelegentlich kommt es vor, dass ein Fall enorm gut gefällt und spannend ist, im entscheidenden Moment allerdings plötzlich sehr schnell kippt und beendet wird.

Von meinem Bruder erhielt ich kürzlich einen Film mit dem anderen Darsteller des Kurt Wallander. Er spielte lediglich in den Verfilmungen der Romane von Mankell mit und ist seitdem in keinem weiteren Fall aufgetreten.
Sein Name ist Lassgard und er ist ein anderer Typ des Ermittlers. Seine Statur ist wesentlich kräftiger und schwerfälliger. Während Henriksson schlaksig und „alternd“ wirkt, stellt Henriksson in seiner Erscheinung einen sehr schwerfälligen, kräftigen und emotionalen Wallander dar. Das liegt vor allem auch an den privaten Episoden der Filme. Zugegebenermaßen habe ich erst einen Film mit Lassgard als Wallander gesehen. Da es sich dabei wie bereits erwähnt nur um Verfilmungen der Romane handelt, ist die Figur des Inspektors wesentlich exakter gezeichnet, der Charakter zeichnet sich besser ab und die Personen werden weniger oberflächlich interpretiert.
Sein Nachteil gegenüber dem anderen Darsteller ist die für mich ungewohnte Synchronstimme, die Edgar Ott, dem Sprecher von Benjamin Blümchen ähnelt. Unmissverständlich erhält Henriksson seine Stimme im Deutschen von der gleichen Synchronstimme wie Mr. Monk.

Beide Darsteller machen in den jeweiligen Filmen eine gute Figur und hauchen der Figur Kurt Wallander Leben ein. Ich persönlich finde es ja enorm schwierig, einer Romanfigur Konturen bei zu bringen. Dennoch differenzieren beide intensiv in ihren Darstellungen und vollenden letztendlich doch ein zumeist stimmiges Bild.

Ich werde auch in Zukunft weiter Filme sehen und auch die letzten Wallander Romane lesen. Völlig unvermutet kam ich vor einigen Jahren zu meinem ersten Mankell Roman „Die Brandmauer“ und habe seitdem nahezu Alle verschlungen. Verschlungen insbesondere deshalb, weil mich kein Werk ausgelassen hat und ich niemals länger als drei, vier Tage brauchte, um die Geschichte fertig zu lesen.

Was macht nun diesen Kurt Wallander an sich so interessant? Ist es seine gescheiterte Ehe zu seiner Exfrau Mona? Ich bezweifle dies entschieden aufgrund des Umstandes, dass viele Ermittler Single sind und/ oder geschieden. Der geschiedene Ermittler passt offensichtlich in das klischeehafte Bild der Romanerzähler/Innen.
Ist es dann seine Tochter Linda, die im Laufe der Werke immer mehr von einer Nebendarstellerin zu einer Hauptfigur mutiert? Wäre durchaus möglich. Die Beziehung zu seinem Vater, der im Laufe der Jahre stirbt ist ebenso besonders gelungen.
Meiner Ansicht nach macht Kurt Wallander seine Schwäche aus. Bei all seiner beruflichen Durchschlagskraft bleibt der Ermittler in vielen Lebensbereichen schwach. Er lässt viele wichtige Punkte in seinem Leben brach liegen und unberührt, bleibt verschlossen und vermittelt oftmals ein „konservatives“ Bild vom „alten“ Schweden, dass er heutzutage so nicht wieder erkennt.
Dabei werden insbesondere die Gefühle der Leser/Innen angesprochen. Es gibt sicherlich ohnehin viele Menschen, die sich mit der gegenwärtigen Welt nicht identifizieren können und sich fragen: „Was ist mit dem heutigen Schweden los?“ Dabei ist das Land Schweden völlig frei durch andere Staaten austauschbar.

Gelegentlich kommt in den Büchern sogar Globalisierungs- und Modernisierungskritik auf. Kurt Wallander versteht dabei oftmals die Zusammenhänge nicht wirklich. Die Kritik ist nur aus seiner Sicht geschildert und bleibt dementsprechend unreflektiert. Die Leser/Innen erhalten Einblick in seine individuelle und daher begrenzte, menschliche Ansichtswelt.
Dieser Umstand macht Kurt Wallander zu etwas ganz Besonderem.
Es wäre sehr schade, würde der sympathische Schwede in Zukunft keinerlei Fälle mehr lösen. Ich würde es sehr begrüßen, eine neue Geschichte lesen zu können, die mich in seinem Wohnzimmer auffinden und ihn beim Whiskytrinken zusehen lässt.

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